Kategorie: Elternzeit

Auf dem Weg

Mit Kindern zu wachsen und zu leben ist in vielen Momenten kein leichter Weg. Und zugleich liegen auf diesem Weg so viele schöne, glückliche und bereichernde Momente. Achtsamkeit lehrt uns, diese glücklichen Momente mit Kindern bewusst zu bemerken und mit den schwierigen so umzugehen, dass sie dem Glück, der Freude und der Verbundenheit nicht im Wege stehen.

Jeder schwierige Moment birgt in sich die Möglichkeit, zu wachsen, zu lernen, bewusster, mitfühlender und innerlich klarer zu werden. Auch wenn wir die Lösung unserer Schwierigkeiten im Moment noch nicht kennen – wir können in den gegenwärtigen Augenblick zurückkehren und in unserem Inneren für Frieden, Freundlichkeit und Stabilität sorgen. Auf diese Weise sorgen wir auch für unsere Kinder und für die Menschen in unserem Umfeld.

Gut genug

Wir alle  tragen wir alle in uns das Wissen, was Kinder brauchen, um sich geliebt, sicher und geborgen zu fühlen. Auf dem achtsamen Weg Kinder zu begleiten bemerken wir manchmal, wie schwierig und unpassend es sein kann, sich an äußeren Massstäben zu orientieren – und wie unkompliziert vieles wird, wenn wir einfach mit dem sind, was aus uns selbst heraus in diesem gegenwärtigen Augenblick möglich ist.

Messlatten und Maßstäbe sind nicht das Hier und Jetzt. Wenn wir uns zu sehr an ihnen orientieren kann es schnell passieren dass wir glauben, perfekt sein zu müssen. Wir orientieren uns dann an Idealen und glauben, andere wären besser. Das macht uns alle unglücklich. Auf dem Weg der Achtsamkeit können wir lernen, dass wir und unsere Kinder nicht perfekt sein müssen. Einfach mit und für einander da zu sein und gemeinsam zu wachsen ist schon gut genug.

Automatisch gesteuert

Solange Kinder noch keine Uhrzeit kennen, kein „morgen“ und kein „in vierzehn Tagen“, leben sie ganz im Augenblick. Sie lassen sich vom Augenblick leiten. Als Erwachsene sind wir oft von Plänen und Zeitpunkten geleitet, was eine grundlegende Anspannung verursachen kann.
Zugleich ist es gar nicht so leicht, Zeitpunkte und Pläne einmal loszulassen und in den Modus von „einfach mit Kindern sein“ zu wechseln. Möglicherweise entstehen Widerstände, Ängste, Langeweile. Wir sind so oft vollkommen mit unseren Plänen identifiziert, dass es schwer sein kann, diese einmal „sein zu lassen“ und einfach mit einem Kind „da zu sein“.

Pläne, Termine und Ziele sind nicht verkehrt. Schwierig wird es, wenn wir so sehr von ihnen eingenommen sind, dass wir nur noch automatisch reagieren und wie von „Autopiloten“ gesteuert werden. Auf dem Weg der Achtsamkeit lernen wir, diese automatische Steuerung zu bemerken und im gegenwärtigen Augenblick anzukommen. Im Verlauf des Tages immer wieder mal innezuhalten und nachzuspühren bringt Dich zurück in den Augenblick.

Zeit für Meditation

Sich Zeit zu nehmen für Meditation hat nichts damit zu tun, mit zusammengebissenen Zähnen eine Pflicht oder eine Disziplin zu erfüllen. Vielmehr können wir mit sanfter Freundlichkeit an diese Übung herangehen. Wir erlauben uns Zeit zu verbringen, in der wir einfach sitzen, atmen und bei uns selbst sein können.

Von der Entscheidung, Dir diese Zeit zuzugestehen, geht in Deiner Familie oder an Deinem Arbeitsplatz auch ein Signal aus:

Es ist hier erlaubt, sich hinzusetzen, still zu werden, nichts leisten zu müssen, nichts zu planen, kein Ziel zu haben.
Es ist hier erlaubt, sich Zeit für sich zu nehmen und für sich zu sorgen.
Es ist hier erlaubt, einen Schritt zur Seite zu gehen und aus dem Trubel des Alltags herauszutreten.

Und ja, es wird eintausend Mal schwierig sein, sich diese Zeit wirklich zu nehmen. Du wirst unterbrochen werden und es wird eintausend Gründe geben, warum Du heute keine Zeit für Meditation findest. Nach und nach aber, wenn Du bemerkst, dass sich die Qualität Deines Tages durch dieses stille Sitzen verändert, wird es leichter. Bleibe sanft und kehre zu deiner Absicht zurück, ohne Dich oder andere zu verurteilen.

Auch das geht vorbei….

Es gibt diese Tage im Leben mit Kindern, da ist alles gut. Wir fühlen uns offen und verbunden, die Kinder spielen friedlich und unsere Aufgaben erledigen sich mit Leichtigkeit. Wir begegnen Missgeschicken mit Humor, und überhaupt scheint die Sonne und die Welt erstrahlt in Himmelblau.

Und es gibt diese Tage und Nächte, die nicht so sind….

Es gibt Schlafmangel und weinenden Kinder. Es gibt gebrochene Unterarme, durchbrechende Zähne, Beulen und Schrammen. Es gibt Magen-Darm-Infekte, Wutanfälle und schlechte Laune. Es gibt verstopfte Schnupfennasen, Ohrschmerzen, Regenwetter, Läuse, Selbstvorwürfe und Schuldgefühle, verbranntes Essen und ausgelaufene Shampooflaschen. Und es gibt Einsamkeit, Mangel an Unterstützung und den dringenden Wunsch sich unter dem Teppich zu verkriechen und einfach für ein paar Wochen zu verschwinden.

Und dann ist geht auch das wieder vorbei.

Der alte Satz „auf Regen folgt Sonnenschein“ klingt manchmal nach billigem Trost. Und doch: wenn wir uns mit dem tiefen Wissen verbinden, dass auch die schwierigste und anstrengendste Situation im Leben mit Kindern vorüber geht, entsteht neuer Raum, Ruhe und Vertrauen können wachsen. Nichts ist von Dauer, alles wandelt sich von Augenblick zu Augenblick. Wir müssen nur in die Natur schauen um zu sehen, dass sich alles wandelt. Und wir, wir sind ein Teil dieser Natur.

Wenn wir mit Kindern verbunden sind erleben wir immer wieder Situationen, in denen wir sie durch Krisen hindurchbegleiten und selbst wenig tun können außer da zu sein in dem Wissen: es geht vorbei. Diese Haltung hat nichts zu tun mit Gleichgültigkeit, vielmehr mit inneren Stabilität, Präsenz und Mitgefühl. Dieses „einfach da sein“ – von Augenblick zu Augenblick – wirkt sich aus: auf unsere Kinder, auf uns selbst und auf die ganze Situation.

Es ist eine hilfreiche Übung, sich immer wieder bewusst der Erfahrung zuzuwenden, wie sich in der Natur alles ununterbrochen verändert, wie alles vergeht und wie Neues entsteht. Der Tag neigt sich dem Ende entgegen – woran erkennst Du das, was erlebst du jetzt und was entsteht jetzt neu?

Wir können uns auch einmal bewusst machen, wie sich Schwierigkeiten aus der Vergangenheit von selbst verändert haben – vielleicht ganz ohne unser Zutun.

Hilfreich kann auch sein, immer wieder einmal an einem ruhigen Ort zu sitzen und den Atem zu beobachten, wie er ein- und ausfließt. Es gibt dabei nichts zu erreichen, nichts zu verändern, nichts zu verbessern, nur wahrzunehmen, wie der Atem kommt und geht und wie jeder Atemzug immer wieder neu und anders ist. Wir können den Atem nicht aufhalten und wir können keine zwei Atemzüge machen, die gleich sind. Alles fließt, alles verändert sich von Augenblick zu Augenblick – Wandel und Veränderung begegnen uns überall.

Fehler machen

Auf der Welt und lebendig zu sein heißt, zu lernen und zu wachsen. Lernen und Wachsen aber ist mit Irrwegen und Fehlern verbunden. Wir alle machen Fehler, weil unsere Erfahrungen oder unser Wissen noch nicht ausreichen, um anders mit einer Situation umzugehen. Manchmal geht es auch an einem bestimmten Punkt nicht weiter, wir halten an Urteilen und Vorstellungen fest oder es fehlt an der Möglichkeit, die ganze Situation zu überschauen.

Eine alte Geschichte erzählt von fünf blinden Gelehrten, die von ihrem König beauftragt wurden herauszufinden, was ein Elefant ist. Die fünf wurden also zu einem Elefanten geführt und jeder von ihnen ertastete einen Teil des Tieres. Zurück beim König wurden sie befragt und jeder der Gelehrten war überzeugt davon, die Wahrheit herausgefunden zu haben. Der Erste hatte das Ohr des Tieres ertastet und begann: „Der Elefant ist wie ein großer Fächer“. Der Zweite hatte den Rüssel berührt, und widersprach: „Nein, er ist ein langer Arm.“
Der Dritte hatte den Schwanz des Elefanten ergriffen und war überzeugt: „Ein Elefant ist ein Seil mit Haaren am Ende!“. „Er ist eine dicke Säule!“, berichtete der vierte Gelehrte, der das Bein ertastet hatte. Der fünfte schließlich, der unter dem Bauch des Elefanten gesessen hatte war sich sicher:  „Der Elefant ist wie eine riesige Höhle.“

Wir, die wir die ganze Geschichte jetzt kennen, würde keinem der Blinden vorwerfen, einen Fehler gemacht zu haben. Wir erkennen: keiner von ihnen konnte den ganzen Elefanten sehen und jeder von ihnen erkannte seinen besonderen Teil der Wahrheit. Wie oft aber gehen wir mit uns selbst, mit anderen, besonders mit unseren Kindern, ganz anders um. Wie oft geben wir uns oder anderen die Schuld, wie oft beschämen wir uns und andere, unterstellen Absicht, Dummheit oder Nachlässigkeit.

Eigene Fehler und die Fehler anderer als kostbare Erfahrungen anzuerkennen, ohne reflexhaft zu beschuldigen und ohne reflexhaft wegzuschauen verlangt Einsicht, Mitgefühl und Geduld. Nur wenige Menschen sind in der Lage, mit freundlicher Präsenz bei sich selbst zu sein und sich selbst nicht im Stich zu lassen, wenn sie einen Fehler gemacht haben.

Wohlwollend und geduldig mit unseren eigenen Fehlern und denen unserer Kinder umzugehen bedeutet nicht, alles als gut und richtig zu bewerten. Manchmal müssen wir uns selbst oder andere auch vor unpassendem, verletzendem Verhalten schützen, manchmal braucht es klare Worte oder entschlossenes Handeln. Und doch können wir uns eingestehen, dass wir nicht alles wissen können. Letztlich brauchen wir alle Raum und Möglichkeiten, um aus Fehlern zu lernen, anderes auszuprobieren und uns weiterzuentwickeln.

Jon Kabat-Zinn: Eltern sein

„Nichts vermag uns letztlich auf das vorzubereiten, was tatsächlich auf uns zukommt, wenn wir Eltern werden. Wir lernen das, indem wir Eltern sind, indem wir unsere Rolle als Eltern ausfüllen. Wir müssen unseren Weg selbst finden, uns auf unsere inneren Ressourcen verlassen, auch auf diejenigen, von deren Existenz wir gar nichts ahnten. Dabei kommen die entscheidenden Anstöße und Signale von unseren Kindern und von jeder neuen Situation, mit der wir konfrontiert werden. Nur indem wir Eltern sind, können wir herausfinden was es bedeutet, Eltern zu sein. Es beinhaltetet eine unablässige tiefe innere Arbeit, eine eigene Art der spirituellen Schulung, Augenblick für Augenblick, sofern wir uns entscheiden, das Familienleben auf diese Weise zu sehen.“

Myla und Jon Kabat-Zinn: Mit Kindern wachsen. Die Praxis der Achtsamkeit in der Familie. Arbor Verlag

Nur ein Schritt

Wende dich
in Stille
dem Fluss zu
der stetig fliesst
zwischen Dir
und Deinem Kind.

Wenn wir nur einen Schritt
davon
zurücktreten
andere zu belehren
und zu verbessern
können wir erkennen
was schon da ist
und was
aus sich selbst heraus
entstehen will.

Es ist nur
ein einziger
kleiner
Schritt.
(j.g.)